Ohne gesunde Zähne kein gesunder Körper
Geschrieben von: Focus Donnerstag, den 15. September 2011 um 13:44 Uhr
Ein spannender Focus-Artikel zum Thema Parodontitis und deren Folgen
Quelle: Focus 36/2011 vom 05.11.2011
Forscher belegen, wie wichtig ein intaktes Zahnfleisch auch für Herz, Gelenke und Stoffwechsel ist. Seit Kurzem arbeiten Ärzte und Zahnärzte gemeinsam gegen die Bedrohung durch aggressive Mundkeime
Die ersten Anzeichen seiner Krankheit entdeckte Achim Förster im Waschbecken. „Immer wenn ich die Zahnbürste gewechselt habe, trat Zahnfleischbluten auf", erzählt der pensionierte Computeringenieur. Parodontitis diagnostizierte ein Zahnarzt, als Förster in den 80er-Jahren in den USA arbeitete.
Heute hat Achim Förster noch immer fast alle eigenen Zähne. „Das hätte man damals nicht vermutet", sagt Ulrich Schlagenhauf von der Uniklinik Würzburg, der Förster seit mehr als 20 Jahren behandelt. Lange galt Parodontitis als ständig fortschreitende Entzündung des Zahnhalteapparats, die die Zähne so lockert, dass sie ausfallen oder gezogen werden müssen.
| Tiefenerkundung Bei der Parodontitis- Untersuchung vermisst der Zahnarzt die Zahnfleischtaschen mit einer Sonde und sucht nach Entzündungszeichen |
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Sache des Herzens Der Diabetologe Diethelm Tschöpe befasst sich mit der Frage, wie die Entzündung im Mund auf andere Organe wirkt |
Zwei von fünf Deutschen haben eine mittelschwere Parodontitis. Bakterien bilden einen Film auf der Zahnoberfläche. Wird er nicht vollständig entfernt, lagern sich Mineralien in den Biofilm ein, und es entsteht fester Zahnstein. Dieser schiebt sich wie ein Keil langsam Richtung Wurzel und zerstört das Bindegewebe, das den Zähnen ihren Halt gibt.
Heute erkennen Ärzte und Zahnärzte, dass permanent entzündetes Zahnfleisch nicht nur das Gebiss, sondern den ganzen Körper bedroht. Es belastet das Immunsystem und erhöht das Risiko für Herzinfarkt, Rheuma, Schwangerschaftskomplikationen und Diabetes.
Im Juli veröffentlichten deutsche Experten für Parodontitis und Diabetes eine gemeinsame Arbeit, in der sie zeigen, wie sich beide Krankheiten gegenseitig beeinflussen. Bei zuckerkranken Patienten reagiert Glukose vermehrt mit Proteinen. „Diese verzuckerten Proteine binden an Immunzellen und bewirken so die Freisetzung von Zellgiften und eine überschießende Entzündungreaktion", erklärt Diethelm Tschöpe vom Herz- und Diabeteszentrum NRW. Wundheilung und die Bildung von Bindegewebe und Knochen sind gestört - schlechte Bedingungen für ein gesundes Zahnbett. Sören Jepsen, Parodontologe am Uniklinikum Bonn, rät deshalb Diabetespatienten den Check beim Zahnarzt.
Umgekehrt güt: Eine Parodontitis kann Blutzuckerprobleme vergrößern. „ Die anhaltende Entzündungsreaktion fördert die Insulinresistenz", sagt Jepsen. Wird das kranke Zahnfleisch behandelt, verbessert sich auch die Blutzuckerregulierung.
Dass Zahnärzte richtig handeln, wenn sie Parodontitispatienten auf ihr Diabetesrisiko hinweisen, haben New Yorker Forscher gerade erst gezeigt. Bei mehr als 500 Personen mit mindestens einem Blutzucker-Risikofaktor wie erkrankte Verwandte oder Übergewicht untersuchten sie das Gebiss. Fehlten bereits vier Zähne und wiesen rund ein Viertel der Zähne tiefe Taschen im Zahnfleisch auf, deutete dies mit einer Trefferguote von 73 Prozent auf Diabetes hin. Studienleiterin Evie Lalla erklärt: „Diabetiker können Krankheitszeichen im Mund haben, bevor sie sich woanders im Körper zeigen."
Durch kleinste Verletzungen gelangen die Mundbakterien in die Blutbahn und verteilen sich. Überfordert die Menge der eindringenden Keime das Immunsystem, „können sich die Bakterien in anderen Organen ansiedeln, vor allem in vorgeschädigten Herzklappen", warnt der Würzburger Kardiologe Georg Ertl. Die angegriffenen Klappen können schrumpfen und undicht werden. Auch im Fruchtwasser wurden Mundbakterien bereits entdeckt. Obwohl der endgültige Beweis noch fehlt, verdächtigen Mediziner die Keime als Auslöser für Frühgeburten.
Einige Bakterien bringen die Immunzellen vermutlich so weit, dass sie die Gelenke angreifen und Rheuma auslösen. Die Entzündung lässt zudem die Arterien verkalken, die Hauptursache für Herzinfarkte und Schlaganfälle.
Wie bedrohlich eng Parodontitis mit anderen Volkskrankheiten verknüpft ist, verdeutlicht Diabetologe Tschöpe: „Wenn Diabetiker unbehandelte schwere Parodontitis haben, so sterben sie 2,3-mal häufiger als Diabetiker mit gesundem oder nur leicht angegriffenem Zahnfleisch."
Der Kieler Genetiker Arne Schäfer fand heraus, dass Varianten des Gens ANRIL die Anfälligkeit für die Zahnbettentzündung steigern. ANRIL ist unter Fachleuten bereits als Risikofaktor für Herzinfarkte, Diabetes und Hautkrebs bekannt. Inzwischen haben Forscher ein halbes Dutzend Gefährdergene für Parodontitis identifiziert. "Bei den meisten Patienten ist jedoch das Verhalten entscheidend", sagt der Molekularbiologe. Riskant sind die üblichen schlechten Angewohnheiten: Stress, Übergewicht und vor allem der Griff zur Zigarette. Es gibt jedoch auch eine seltene, aggressive Form, bei der die Parodontitis meist vor dem 35. Lebensjahr einsetzt. "Hier ist der Anteil genetischer Risikofaktoren sicherlich wichtiger als die Umweltfaktoren", sagt Schäfer.
Entzündung auf dem Vormarsch. Von 1997 bis 2005 stieg der Anteil der deutschen Erwachsenen mit mehr als vier Millimeter tiefen Zahnfleischtaschen von 46 auf 73 Prozent. Die Zunahme ist ironischerweise eine Folge besserer Mundhygiene. Weil weniger Zähne wegen Karies ausfallen, bleiben die eigenen Kauwerkzeuge ausreichend lange im Mund, dass sich die Zahnbettentzündung ausbreiten kann. "Allein durch Putzen lässt sich die Krankheit also nicht immer verhindern", weiß Schlagenhauf, der die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DGP) leitet.
Oft erkennen Patienten die fortgeschrittene Entzündung erst nach anhaltendem Zahnfleischbluten oder Zahnverlagerungen selbst. Nur ein Zahnarzt kann sie frühzeitig diagnostizieren. Für den Parodontalen Screening-Index (PSI) ermittelt er unter anderem die Tiefe der Zahnfleischtaschen. Kassenpatienten haben alle zwei Jahre Anspruch auf die PSI- Untersuchung.
Wird eine Parodontitis festgestellt, erfolgt eine gründliche Reinigung und Hygieneschulung. Die Maßnahmen lassen die Entzündung meist abklingen. Schlagen sie nicht an oder ist der Fall besonders schwierig, sollten Patienten einen Experten aufsuchen. Eine mehrjährige Ausbildung erkennt man an den Bezeichnungen "Fachzahnarzt für Parodontologie" und "DGP-Spezialist für Parodontologie". Die Behandlung ist langwierig und hilft nur, wenn die Patienten diszipliniert bleiben.
Dass Achim Förster noch mit den eigenen Zähnen zubeißen kann, so glaubt er, verdankt er seinem Zahnarzt Schlagenhauf. Mit verschiedenen Verfahren versuchte der Parodontologe, die aggressiven Keime in Försters Mund aufzuhalten. Den Durchbruch brachte aber erst vor 15 Jahren eine damals neue Antibiotikabehandlung. "Seitdem hatte ich kein Zahnfleischbluten mehr", sagt Förster.
Damit das so bleibt, bestellt Schlagenhauf seinen Patienten drei- bis viermal im Jahr zu einer ausgiebigen Spezialreinigung. Dabei entfernt er die Plague an den Zähnen und unter dem Zahnfleischrand. Die Prozedur dauert etwa 45 Minuten. Die Leistung wird allerdings nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Sie kostet je nach Aufwand 50 bis 150 Euro.
Die wichtigste Vorbeugung auch für Gesunde ist Reinlichkeit im Mund. Dabei kommt es nicht nur auf sorgfältiges Bürsten an, auch die Zahnzwischenräume müssen sauber werden. Als Ergänzung bieten Zahnärzte eine professionelle Zahnreinigung (PZR) an. Eine speziell geschulte Zahnarzthelferin entfernt dabei den Biofilm bis zum Zahnfleischrand. Die PZR wird nicht von der Krankenkasse bezahlt und schlägt ebenfalls mit 50 bis 150 Euro zu Buche, abhängig vom Zustand des Gebisses. Wer sich für eine PZR entscheidet, sollte sich einen Kostenvoranschlag erstellen und erklären lassen. Doch der Aufwand kann sich lohnen.
"Mit konsequenter Prophylaxe und Behandlung könnten wir viele Zähne erhalten, die sonst durch teure Implantate ersetzt werden müssen", sagt Ulrich Schlagenhauf. Und eine erfolgreiche Therapie bewahrt den restlichen Körper vor dem Dauerfeuer der Mundbakterien.




