Knackpunkt Kiefergelenk
Aktualisiert (Freitag, den 23. April 2010 um 12:53 Uhr) Geschrieben von: Z17 Zahnarzt Jan Winterboer Freitag, den 23. April 2010 um 14:14 Uhr
Wenn es im Kiefergelenk bei Kieferbewegungen oder beim Kauen beginnt zu knacken, ist es häufig das Symptom einer Gelenkveränderung, die Jahre vorher ihren Lauf begann und dem zahlreiche Ursachen zugrunde liegen können. Das Knacken entsteht beispielsweise bei Mundöffnung oder Mundschluss dadurch, daß ein oder auch beide Kiefergelenksköpfe von einer Art bindegewebigen Scheibe (Diskus) herauf -oder herunterspringen, durch die sie von der Gelenkgrube getrennt sind. Die Gelenkgeräusche sind manchmal schmerzhaft, werden aber oft als unangenehm und störend empfunden. Häufig kommen auch andere Beschwerden wie allgemeiner Kiefer- und Gesichtsschmerz, Ohrgeräusche, eine eingeschränkte und/oder asymetrische Mundöffnung und muskuläre Verspannungen im Kopf- und Halswirbelbereich, sowie der gesamten Rückenpartie hinzu. Tückisch ist, daß alle Symptome jedoch auch isoliert oder sich überlappend und ohne Kiefergelenksgeräusche auftreten können und ein Zusammenhang auf den ersten Blick nicht immer erkennen läßt.
Dieser Symptomkomplex wurde lange Zeit nach ihrem Erstbeschreiber James B. Costen als „Costen-Syndrom“ bezeichnet, wird aber im aktuellen klinischen Sprachgebrauch kraniomandibuläre Dysfunktion oder kurz „CMD“ genannt. Die Ursachen von CMD sind so vielfältig wie ihre Symptome und sind wohl ein Zusammenspiel zahlreicher Faktoren. Zunächst spielt das Geschlecht eine Rolle. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen. Außerdem scheint das Alter mit einem Häufigkeitsgipfel von 18-34 Jahre gefolgt von den 35-54 Jährigen einen Einfluss zu haben. Zusätzlich wirken sich Fehlstellungen der Zähne und der Kiefer zueinander aus und können sog. „Parafunktionen“ begünstigen. Zu einer solchen Parafunktion gehört der „Bruxismus“. Dahinter verbirgt sich nicht nur das bekannte nächtliche Zähneknirschen und Klappern sondern auch das feste statische aufeinanderpressen der Zähne, welches von den meisten Menschen unbemerkt vor allem auch am Tage durchgeführt wird. Untersuchungen haben gezeigt, dass gerade einmal 57% mit klinisch feststellbaren Symptomen sich ihres Bruxismus bewusst sind. Oft wird durch den Patienten ein diffus flächiger Gesichtsschmerz, verursacht durch eine erhöhte Aktivität der Kau- und Schläfenmuskulatur sowie nicht genau lokalisierbare Zahnschmerzen eigentlich gesunder Zähne als Erstsymptom beschrieben. Nicht zu vernachlässigen sind auch psychische und seelische Belastungen die zu einer Entwicklung der kraniomandibulären Dsyfunktion = CMD führen können. Hier steht der Faktor Stress
(beruflicher, emotionaler oder körperlicher Herkunft) eindeutig belegbar mit der Entstehung von CMD in Zusammenhang. Auch Depressionen und andere starke Ängste können entsprechende Symptome auslösen.
Studien haben gezeigt, dass die Prävalenz, also die Häufigkeit von Symptomen einer CMD wie z.B. Knack- oder Reibegeräusche in der erwachsenen Bevölkerung bis zu 50% beträgt, wobei nur 3-10% subjektiv tatsächlich Kiefergelenksschmerzen empfinden und damit akut behandlungsbedürftig sind. Berechnungen zu Folge sind dennoch 6.5% der gesamten zahnmedizinischen Gesundheitskosten in Deutschland (immerhin 200-300 Millionen Euro pro Jahr) auf die Therapie von CMD zurück zuführen.
Eine solche „Volkskrankheit“ bedarf systematischer und eben auch präventiver Therapie, sodass das Erreichen eines schmerzhaften Stadiums der CMD vermieden werden kann. So gehört die Diagnostik, die initiale Therapie von Kiefergelenksbeschwerden sowie die Koordination der Begleittherapie primär in die zahnärztliche Hand. Für die Behandlung von bereits schmerzhaften CMD-Erkrankungen, aber auch zur präventiven Behandlung von Gelenkgeräuschen und Muskelverspannungen hat sich neben einer ausführlichen Patientenaufklärung mit Anweisungen zur Selbstbeobachtung und Entspannungsübungen, die Schienentherapie bewährt. Aufgabe des Zahnarztes ist es dabei eine auf das Beschwerdebild des Patienten individuelle Schiene anfertigen zu lassen. Die Therapie kann durch bestimmte Medikamente gezielt unterstützt werden. In den meisten Fällen empfiehlt es sich ebenfalls andere medizinische Fachbereiche wie die Orthopädie, die Physiotherapie, die Psychotherapie und in sehr seltenen Fällen auch die Kieferchirurgie hinzu zuziehen. Wie sie sehen ist das Erkennen und richtige Behandeln von Kiefergelenkserkrankung außerordentlich facettenreich und für den betroffenen Patienten wie aber auch für den behandelnden Arzt eine Herausforderung, die aber in den meisten Fällen bei sorgsam überlegter Therapie zu einem positiven Ergebnis führt. Fragen Sie ihren Zahnarzt!
Die Zahnärzliche Praxisgemeinschaft Z17 bietet ein Netzwerk von Osteopathen, Physiotherapeuten und Neurologen.
Z17 hilft ihnen gern telefonisch unter 0551-49947-0 weiter, geben Sie einfach „Kiefergelenksprobleme“ an.
Jan Winterboer
(Zahnarzt)


